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Joseph Smith der Schatzsucher

Die Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist untrennbar mit ihrem Gründer Joseph Smith verbunden. Nach kirchlicher Überlieferung wurde er von Gott berufen, das ursprüngliche Evangelium Jesu Christi wiederherzustellen und das Buch Mormon zu übersetzen.

Weniger bekannt ist, dass Joseph Smith vor der Gründung der Kirche an Schatzsuchereien beteiligt war und dabei sogenannte Sehersteine verwendete.

Was zunächst wie eine ungewöhnliche Randnotiz seiner Biografie erscheint, wirft grundlegende Fragen auf. Denn dieselben Methoden, die Joseph Smith zur Suche nach verborgenen Schätzen verwendete, spielen auch bei der Entstehung des Buches Mormon eine Rolle.

Schatzsuche und Sehersteine im 19. Jahrhundert

Im frühen 19. Jahrhundert war der Glaube an verborgene Schätze, übernatürliche Kräfte und besondere Steine in Teilen der amerikanischen Bevölkerung verbreitet.

Sogenannte Seher oder „Glass Lookers“ behaupteten, mithilfe bestimmter Steine verborgene Gegenstände, unterirdische Schätze oder verlorenes Eigentum aufspüren zu können.

Auch Joseph Smith beschäftigte sich mit dieser Praxis.

Nach historischen Berichten besaß er einen Seherstein, den er unter anderem zur Suche nach verborgenen Schätzen einsetzte.

Dabei soll er den Stein in einen Hut gelegt und sein Gesicht in die Öffnung gehalten haben, um äußeres Licht auszuschließen.

Diese Vorgehensweise ist besonders deshalb interessant, weil ähnliche Beschreibungen später auch im Zusammenhang mit der Übersetzung des Buches Mormon auftauchen.

Joseph Smith vor Gericht – das Verfahren von 1826

Am 20. März 1826 musste sich Joseph Smith im Ort Bainbridge im US-Bundesstaat New York einem gerichtlichen Verfahren stellen.

In den historischen Unterlagen wird er als „Glass Looker“, also als jemand bezeichnet, der mithilfe eines Steins verborgene Dinge zu erkennen behauptete.

Der Vorwurf stand im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Schatzsucher.

Über den genauen Verlauf des Verfahrens existieren verschiedene historische Darstellungen. Besonders bekannt wurde ein später veröffentlichtes Protokoll, das Aussagen mehrerer Zeugen wiedergibt.

Darin wird beschrieben, wie Joseph Smith angeblich mithilfe seines Steins verborgene Schätze und Gegenstände aufspüren konnte.

Ein Zeuge berichtete beispielsweise, dass Smith bei der Suche nach einer vergrabenen Geldkiste seinen Kopf in einen Hut gesteckt habe, um deren Standort zu bestimmen.

Die Überlieferung des Protokolls und insbesondere die Frage, ob Joseph Smith tatsächlich verurteilt wurde, sind unter Historikern umstritten.

Dass es 1826 ein gerichtliches Verfahren im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als „Glass Looker“ gab, wird dagegen durch erhaltene zeitgenössische Dokumente gestützt.

Die Entdeckung historischer Gerichtsunterlagen

Lange Zeit bestritten verschiedene Verteidiger Joseph Smiths die Echtheit der veröffentlichten Gerichtsberichte.

Eine wichtige Wendung brachte das Jahr 1971.

Der Geistliche und Mormonismusforscher Wesley P. Walters entdeckte historische Abrechnungsunterlagen, die das Verfahren von 1826 bestätigten.

Besonders aufschlussreich ist eine Gebührenabrechnung des Richters Albert Neely.

Darin wird Joseph Smith ausdrücklich als „The Glass Looker“ bezeichnet.

Das Dokument nennt den 20. März 1826 und verzeichnet Gebühren in Höhe von 2,68 US-Dollar.

Eine weitere erhaltene Abrechnung stammt vom Polizeibeamten Philip M. De Zeng.

Diese Unterlagen sind deshalb bedeutsam, weil sie unabhängig von den später veröffentlichten Zeugenaussagen entstanden.

Sie belegen, dass Joseph Smith tatsächlich Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens war.

Joseph Smith Gerichtsbeleg.jpg

Abbildung: Historische Gebührenabrechnung zum Verfahren gegen Joseph Smith vom 20. März 1826. Er wird darin als „The Glass Looker“ bezeichnet.

Wie reagierten die Kirchenhistoriker?

Die Frage nach Joseph Smiths Schatzsucherei war lange Zeit ein Streitpunkt zwischen Kritikern und Verteidigern der Kirche.

Einige frühere Kirchengelehrte bestritten, dass ein entsprechendes Gerichtsverfahren überhaupt stattgefunden hatte.

Der Kirchengelehrte Francis W. Kirkham argumentierte beispielsweise, dass ein authentisches Protokoll über Joseph Smiths Verwendung eines Sehersteins zu betrügerischen Zwecken schwerwiegende Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit des Kirchengründers hätte.

Auch Hugh Nibley, ein bekannter Verteidiger des Mormonismus, maß einem solchen Dokument große Bedeutung bei.

Nach der Entdeckung der historischen Gebührenabrechnungen änderte sich die wissenschaftliche Diskussion.

Der Historiker Marvin S. Hill von der Brigham Young University erkannte an, dass Joseph Smith 1826 vor Gericht gestanden hatte.

Gleichzeitig vertrat er die Auffassung, dass die Verwendung eines Sehersteins zur Schatzsuche nicht zwangsläufig im Widerspruch zu Joseph Smiths späterem religiösen Glauben stehen müsse.

Auch der Kirchenhistoriker Leonard J. Arrington behandelte Joseph Smiths Schatzsucherei als Teil seines historischen und kulturellen Umfelds.

Die Diskussion verlagerte sich damit zunehmend von der Frage, ob Joseph Smith an Schatzsuchereien beteiligt gewesen war, zu der Frage, wie diese Tätigkeiten historisch und religiös einzuordnen sind.

Joseph Smith bestätigte seine Beteiligung an Schatzsuchereien

Joseph Smith selbst erwähnte seine Beschäftigung bei Josiah Stowell, einem Mann, der nach einer vermeintlichen Silbermine suchte.

In seiner späteren Lebensgeschichte erklärte Smith, Stowell habe ihn gemeinsam mit anderen Männern für entsprechende Grabungen beschäftigt.

Daraus sei die verbreitete Behauptung entstanden, er sei ein Schatzsucher gewesen.

Diese Erklärung bestätigt zumindest seine Beteiligung an einer Schatzsuche.

Sie erwähnt jedoch weder die Verwendung eines Sehersteins noch das Gerichtsverfahren von 1826.

Andere historische Quellen beschreiben dagegen ausdrücklich seine angebliche Fähigkeit, mithilfe eines Steins verborgene Gegenstände zu finden.

Der Zusammenhang mit der Übersetzung des Buches Mormon

Besonders interessant wird Joseph Smiths Beschäftigung mit Sehersteinen, wenn man sie mit der Entstehung des Buches Mormon vergleicht.

In traditionellen kirchlichen Darstellungen wurde die Übersetzung häufig mit den sogenannten Urim und Tummim in Verbindung gebracht.

Historische Zeugenaussagen beschreiben jedoch auch eine andere Vorgehensweise.

Joseph Smith soll einen Seherstein in einen Hut gelegt und sein Gesicht hineingehalten haben, um die darauf erscheinenden Worte zu erkennen und einem Schreiber zu diktieren.

Damit bestehen deutliche Parallelen zwischen den Methoden seiner früheren Schatzsuche und den später beschriebenen Übersetzungsmethoden.

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage erkennt heute selbst an, dass Joseph Smith bei der Übersetzung des Buches Mormon einen Seherstein verwendete.

In ihren offiziellen Veröffentlichungen erläutert sie die historische Verwendung solcher Steine und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit Joseph Smiths religiösen Erfahrungen.

Eine bemerkenswerte Verbindung

Aus kritischer Sicht stellt sich damit eine grundlegende Frage:

Warum verwendete Joseph Smith bei der angeblich göttlich inspirierten Übersetzung des Buches Mormon eine Methode, die er zuvor zur Suche nach verborgenen Schätzen eingesetzt hatte?

Gläubige Mitglieder können darin einen Hinweis sehen, dass Gott Joseph Smith auf seine spätere Aufgabe vorbereitete.

Kritiker betrachten die Verbindung dagegen als Hinweis darauf, dass die Entstehung des Buches Mormon wesentlich durch die volkstümlichen magischen Vorstellungen seiner Zeit beeinflusst wurde.

Die historische Verbindung zwischen Schatzsuche, Sehersteinen und der Übersetzung des Buches Mormon lässt sich jedenfalls nicht einfach ausblenden.

Fazit

Joseph Smiths Beteiligung an Schatzsuchereien gehört zu den historisch dokumentierten Aspekten seiner frühen Lebensgeschichte.

Das Gerichtsverfahren von 1826, die erhaltenen Gebührenabrechnungen und die Berichte über seine Verwendung von Sehersteinen zeigen, dass sich Joseph Smith bereits vor der Gründung seiner Kirche mit Praktiken beschäftigte, die heute häufig als volkstümliche Magie bezeichnet werden.

Besonders bemerkenswert ist die Verbindung dieser Praktiken mit der späteren Entstehung des Buches Mormon.

Dabei geht es nicht allein darum, ob Schatzsucherei im frühen 19. Jahrhundert ungewöhnlich war. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedeutung diese Methoden für die Glaubwürdigkeit der religiösen Ansprüche Joseph Smiths besitzen.

Wer die Geschichte des Mormonismus verstehen möchte, sollte deshalb auch diesen Teil der Biografie seines Gründers kennen.

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