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Bücher lesen

The Book of Mormon

Ein verschwundenes Manuskript und viele offene Fragen

Die Geschichte der verlorenen 116 Manuskriptseiten gehört zu den bemerkenswertesten Ereignissen bei der Entstehung des Buches Mormon.

Im Jahr 1828 verschwanden 116 Seiten einer frühen Übersetzung, die Joseph Smith seinem Schreiber Martin Harris überlassen hatte.

Obwohl Joseph Smith nach eigener Aussage das Buch Mormon durch göttliche Hilfe übersetzte, konnte oder wollte er den verlorenen Text anschließend nicht erneut übersetzen.

Stattdessen erklärte er, Gott habe bereits Jahrhunderte zuvor dafür gesorgt, dass ein anderer Bericht angefertigt wurde, der den verlorenen Text ersetzen könne.

Diese Erklärung wirft bis heute Fragen auf.

Wie verschwanden die 116 Seiten?

Zwischen April und Juni 1828 unterstützte Martin Harris Joseph Smith bei der Übersetzung des Buches Mormon.

Harris war einer der frühen Förderer Joseph Smiths und übernahm zeitweise die Aufgabe des Schreibers.

Nach der kirchlichen Überlieferung bat er Joseph Smith wiederholt darum, das bereits entstandene Manuskript seiner Familie zeigen zu dürfen.

Joseph Smith soll diese Bitte zunächst abgelehnt haben. Nachdem Harris jedoch mehrfach darauf bestanden hatte, erhielt er schließlich die Erlaubnis, die Seiten mitzunehmen.

Es handelte sich um insgesamt 116 handgeschriebene Seiten.

Kurz darauf verschwanden die Manuskriptseiten unter bis heute ungeklärten Umständen.

Ob sie gestohlen, vernichtet oder anderweitig verborgen wurden, ist nicht bekannt.

Der Verlust war für Joseph Smith ein schwerer Rückschlag. Nach kirchlicher Darstellung wurde ihm vorübergehend die Gabe des Übersetzens entzogen.

Martin Harris verlor zunächst seine Aufgabe als Schreiber.

Warum übersetzte Joseph Smith die Seiten nicht erneut?

Besonders interessant ist die Erklärung, weshalb Joseph Smith den verlorenen Text nicht einfach ein zweites Mal übersetzte.

Nach der kirchlichen Darstellung erhielt er eine Offenbarung, die heute in Abschnitt 10 des Buches Lehre und Bündnisse enthalten ist.

Darin wird erklärt, dass feindlich gesinnte Personen beabsichtigten, den verlorenen Text zu verändern.

Sollte Joseph Smith dieselben Seiten erneut übersetzen, könnten seine Gegner die veränderte Fassung vorlegen und behaupten, seine Übersetzung sei widersprüchlich.

Auf diese Weise wollten sie angeblich seine Glaubwürdigkeit zerstören.

Joseph Smith wurde deshalb angewiesen, den verlorenen Text nicht erneut zu übersetzen.

Ein göttlicher Plan als Erklärung

Nach der Darstellung im Buch Mormon hatte Gott bereits lange vor Joseph Smiths Geburt Vorsorge für einen solchen Fall getroffen.

Der Prophet Nephi soll neben einem ausführlicheren Bericht zusätzliche Platten angefertigt haben.

Diese sogenannten kleinen Platten Nephis enthielten einen anderen Bericht über einen teilweise überschneidenden Zeitraum.

Nephi erklärte, er habe diese Aufzeichnungen zu einem besonderen, ihm selbst nicht vollständig bekannten Zweck angefertigt.

Nach kirchlicher Interpretation bestand dieser Zweck darin, den späteren Verlust der 116 Manuskriptseiten auszugleichen.

Anstelle des verlorenen Textes wurde deshalb ein anderer Bericht in das Buch Mormon aufgenommen.

Welche Fragen wirft diese Erklärung auf?

Die Geschichte der verlorenen 116 Seiten wirft mehrere Fragen auf, die bereits im ursprünglichen Artikel von Mormonismus-Online angesprochen wurden.

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1. Hätte eine Manipulation des Manuskripts tatsächlich funktioniert?

Die verschwundenen Seiten waren von Martin Harris handschriftlich angefertigt worden.

Nach der Erklärung in Lehre und Bündnisse wollten Gegner Joseph Smiths den ursprünglichen Text verändern, um anschließend Widersprüche zu einer erneuten Übersetzung nachweisen zu können.

Doch wie überzeugend wäre ein solches Vorgehen gewesen?

Eine nachträgliche Veränderung handschriftlicher Aufzeichnungen hätte möglicherweise erkannt werden können.

Außerdem hätte Joseph Smith auf die Manipulation hinweisen und die Echtheit des veränderten Manuskripts bestreiten können.

Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass ein geschickt verändertes oder vollständig neu abgeschriebenes Manuskript damals für Verwirrung gesorgt hätte.

Die Erklärung ist daher nicht unmöglich, wirft aber Fragen nach ihrer Plausibilität auf.

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2. Warum sollte Gott eine erneute Übersetzung verhindern?

Nach kirchlicher Lehre erfolgte die Übersetzung des Buches Mormon durch die Gabe und Macht Gottes.

Wenn Joseph Smith tatsächlich Zugang zu einer göttlichen Übersetzungshilfe hatte, stellt sich die Frage, weshalb eine erneute Übersetzung problematisch gewesen wäre.

Hätte eine zweite, inhaltlich übereinstimmende Übersetzung nicht gerade seine Glaubwürdigkeit stärken können?

Aus kritischer Sicht erscheint die Entscheidung, den Text nicht erneut zu übersetzen, deshalb erklärungsbedürftig.

Die kirchliche Antwort lautet, dass Gott die Absichten der Gegner kannte und Joseph Smith davor bewahren wollte, in eine vorbereitete Täuschung hineingezogen zu werden.

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3. Warum wurden Jahrhunderte zuvor zusätzliche Platten angefertigt?

Besonders bemerkenswert ist die Vorstellung, dass Nephi bereits viele Jahrhunderte zuvor zusätzliche Aufzeichnungen anfertigen musste, um den Verlust der Manuskriptseiten im Jahr 1828 auszugleichen.

Nach der kirchlichen Überlieferung wusste Nephi selbst nicht genau, weshalb diese zusätzlichen Aufzeichnungen notwendig waren.

Die Erklärung setzt damit voraus, dass Gott den späteren Verlust bereits lange im Voraus kannte und entsprechende Vorkehrungen traf.

Aus kritischer Sicht stellt sich die Frage, weshalb ein so aufwendiger Weg erforderlich gewesen sein sollte.

Wäre es nicht einfacher gewesen, den Verlust der Manuskriptseiten zu verhindern oder Joseph Smith eine erneute Übersetzung zu ermöglichen?

Für gläubige Mitglieder kann diese Geschichte dagegen als Beispiel göttlicher Voraussicht verstanden werden.

Ein historisches Problem ohne überprüfbaren Originaltext

Ein wesentlicher Punkt wird bei der Diskussion häufig übersehen:

Die verlorenen 116 Seiten sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Damit fehlt eine entscheidende Grundlage für eine historische Überprüfung.

Es ist nicht möglich, den ursprünglichen Text mit dem später veröffentlichten Buch Mormon zu vergleichen.

Ebenso wenig lässt sich überprüfen, ob eine erneute Übersetzung tatsächlich mit der ersten Fassung übereingestimmt hätte.

Die Behauptung, Gegner hätten den Text verändern wollen, beruht auf der Joseph Smith zugeschriebenen Offenbarung. Ein unabhängiger Nachweis für einen entsprechenden Plan liegt in dem hier behandelten Quellenmaterial nicht vor.

Die Geschichte bleibt deshalb in wesentlichen Punkten auf die Überlieferung Joseph Smiths und seines Umfelds angewiesen.

Fazit: Eine bemerkenswerte Erklärung

Die verlorenen 116 Seiten stellen eine der interessantesten Episoden in der Entstehungsgeschichte des Buches Mormon dar.

Joseph Smith verlor einen beträchtlichen Teil seiner ursprünglichen Übersetzung und erklärte anschließend, weshalb er diesen Text nicht erneut übersetzen sollte.

Stattdessen wurde ein anderer Bericht verwendet, dessen Existenz nach kirchlicher Überlieferung bereits Jahrhunderte zuvor von Gott vorgesehen worden war.

Die entscheidende Frage bleibt, wie überzeugend diese Erklärung ist.

War der Verlust der Manuskriptseiten tatsächlich Teil eines göttlichen Plans, der bereits lange im Voraus berücksichtigt worden war?

Oder entwickelte Joseph Smith eine Erklärung, um zu vermeiden, dass seine Übersetzungsfähigkeit durch eine erneute Anfertigung des Textes überprüft werden konnte?

Die historischen Quellen ermöglichen keine abschließende Antwort auf diese Frage. Sie zeigen jedoch, dass der Verlust der 116 Seiten eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Buches Mormon spielte.

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