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Das geheime Doppelleben eines Kirchenführers / Wie der Mormonismus Familien zerstört


Disclaimer: Der eingesendete Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung von mormonenaustritt.de wieder.


Intro/Hilfestellung


Mit diesem Blogeintrag möchte ich insbesondere anderen Jugendlichen/Mitgliedern helfen, die auf der Suche nach Antworten sind bzw. sich fragen, ob das alles normal ist, was sie in der Kirche durchmachen. Ihr seid nicht alleine! Und nein, das ist nicht normal. Hoffentlich kann euch meine Geschichte helfen. Ich habe anfangs etwas weiter ausgeholt, damit man den Nährboden für solches Verhalten in der Kirche besser versteht. Natürlich gibt es auch viele ehrliche und gute Menschen in der Kirche, die leider keine Ahnung davon haben, was viele Kirchenführer für eine Doppelmoral haben bzw. was sie für ein Doppelleben führen. Viele von ihnen haben aber auch keine Wahl. Denn auch wenn es vielleicht gepredigt wird, aber im Mormonismus ist kein Platz für Fehler. Schon gar nicht bei Kirchenführern. Was natürlich starken Druck aufbaut und auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann.

Ich kann nur jeden Leser dazu ermutigen, das, was euch widerfahren ist, nicht in euch hinzufressen oder zu verdrängen, sondern aktiv die Missstände benennen und aufzuarbeiten. Habt keine Angst. Angst, sollten diejenigen haben, die euch in irgendeiner Form wehgetan haben oder euch körperlich oder psychologisch missbraucht haben. Lasst sie nicht davonkommen, sondern wehrt euch. Es ist nie zu spät für Gerechtigkeit.



Das Familienbild der Mormonen


Bei den Mormonen spielt die Familie bekanntlich eine sehr große und wichtige Rolle. Was natürlich eine sehr lobenswerte Sache ist, wenn man sich einige Familienverhältnisse heutzutage anschaut.

Für mich hat auch nach meinem Austritt aus dem Mormonismus meine eigene Familie höchste Priorität. Was aber nicht wirklich damit zu tun hat, dass ich im Mormonismus aufgewachsen bin bzw. deren Lehre über die Familie. Tatsächlich liegt es eher daran, dass für meinen Vater trotz hoher Führungspositionen in der Kirche die Familie nie wirklich oberste Priorität hatte.

Es gab einiges, was ihm deutlich wichtiger war. Das waren neben dem Beruf auch das Ansehen und der Erfolg in der Kirche. Natürlich auch gefördert durch das System der Kirche selbst.

Was unmittelbar dazu führt, dass etwas auf der Strecke bleibt. Und bei uns war es tatsächlich das, was der Kirche doch angeblich am wichtigsten ist: die Familie.

Und sobald man hinter die Kulissen der Mormonen Kirche schaut, wird auch schnell klar, dass die Familie eben nicht die höchste Priorität hat. Es geht vielmehr um Geld, Kontrolle und den Schein.



Dem beruflichen Erfolg folgt der Erfolg in der Kirche


Mein Vater war beruflich sehr erfolgreich. Und das sieht die Kirche natürlich sehr gerne. Einmal, weil der berufliche Erfolg seiner Mitglieder auch mehr Zehnten-Einnahmen bedeutet, zum anderen, weil die Kirche (die wenigen) beruflich erfolgreiche Menschen auch gerne in Führungspositionen hebt. Sie sollen als Vorbild dienen für die normalen und durchschnittlichen Mitglieder, um ihnen zu zeigen: Hey, wenn du nur rechtschaffen genug bist, dann wirst du auch so toll und erfolgreich. Ähnliche wie Tom Cruise bei Scientology.

Denn für die Mormonen ist der berufliche Erfolg meistens ein Zeichen (Segnung) eines rechtschaffenen Lebens. Wer also nicht erfolgreich ist, der ist noch nicht rechtschaffen genug.

Deshalb ist mein Vater auch bei den Mormonen schnell in höhere Führungspositionen aufgestiegen, wo man natürlich wiederum in Kontakt mit noch höheren Führungspersönlichkeiten kommt. Es sollte also ein rechtschaffener Kreislauf nach oben sein. So jedenfalls der Anschein.



Mehr Schein als Sein


Und darum geht es eigentlich immer nur: den Schein zu wahren. Den Schein, dass wir eine vorbildliche und erfolgreiche Mormonenfamilie sind. Egal ob gegenüber der Verwandtschaft, den Mitgliedern oder Arbeitskollegen. Das saubere Image der Familie bzw. Kirche hatte für meinen Vater die höchste Priorität. Dabei habe ich erst vor Kurzem erfahren, dass bereits sein Vater ebenfalls sehr stark darauf bedacht war, dass keine negativen Informationen über die Familie nach außen getragen wurden. Die Familie wurde regelrecht darauf eingeschworen, den Schein zu wahren, koste es, was es wolle. Der Pate Style eben.

Bedingt ist dieser Ansatz sicher auch nicht verkehrt, denn man sollte natürlich erst einmal versuchen, Probleme intern zu lösen, bevor man sie nach außen trägt.

Aber in diesem Fall geht es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern lediglich darum, die Familie heiliger darzustellen, als sie ist und sie noch stärker an die Kirche zu binden. Indem auch immer wieder die Würdigkeit als Voraussetzung genannt wurde, um Wertschätzung innerhalb der Familie zu erhalten. Sei es in Form von Erbstücken oder einfach nur die Anerkennung von Familienoberhäuptern als Familienmitglied. Alles ist indirekt an die Würdigkeit und Stellung -also auch den Schein in der Kirche- gebunden.

Und so wurde mit den ersten Scheidungen in der Verwandtschaft und ersten Abtrünnigen von der Kirche immer wieder klargemacht, dass man nicht mehr auf alle in der Familie zählen kann und somit auch nicht mehr wirklich zur Familie gehört. Viele seien auch des Familiennamens nicht würdig. Wie in der Kirche eben.

Was die Spaltung innerhalb der Familie natürlich nochmals vergrößerte. Hinzu kam dann noch viel Neid innerhalb der Verwandtschaft und Gemeindemitglieder, was den Sonntag immer wieder zur Farce machte. Während man sich in der Gemeinde nett zulächelte und warme Worte über Nächstenliebe verteilte, wurde bereits im Auto auf dem Heimweg über alle ausgeteilt und gelästert. Gesprächsthemen wie die Autos, Klamotten, Blicke und das Verhalten anderer waren wichtiger, als was man eigentlich gelernt hat. Aber Mormonismus ist eine Neidgesellschaft. Mormonen sind immer freundlich und nett zu Menschen, die weniger haben als sie selbst (potenzielle Bekehrte), weil sie sich überlegener fühlen und „helfen“ können, was ihnen ja von Jesus aufgetragen wurde.

Jedoch haben Mormonen oft ein Problem mit Menschen, denen es besser geht als ihnen selbst. Egal ob in der Kirche oder außerhalb. Zweites ist evtl. sogar noch schlimmer, denn wie kann es sein, dass es einem Nichtmormonen besser geht als einen Mormonen? Die Antwort ist meistens, dass Satan die Menschen mit Materiellen testet oder dass diese Menschen ja nicht wirklich glücklich sein können.

Auch deshalb ist der Erfolgsdruck unter den Mormonen so stark, denn wer nicht erfolgreich ist, der macht folglich etwas falsch.






Diskrepanz zwischen Wort und Tat


Wenn jeder ein Heiliger ist, wer ist dann noch besonders? Wie kann man sich hier abheben?

Dieser Druck sorgt dafür, dass viele Mitglieder (Familien) besonders sonntags ein regelrechtes Schauspiel an Heiligkeit aufführen, damit die anderen Mitglieder sehen, dass man erfolgreich und gesegnet ist und damit ein besonders Heiliger ist.

Da werden auch die dicken Autos gerne mal möglichst nah am Eingang geparkt, damit es nicht unbemerkt bleibt.

Davon gibt es aber oft nur eine Handvoll in einer Gemeinde, denn die meisten sind ja eher Durchschnittsbürger, die auch nicht viele Besitztümer haben.

Für die Familienmitglieder von Kirchenführern wird eine Diskrepanz zwischen dem, was sonntags vom Sprecherpult gepredigt und dem, was unter der Woche gelebt/gemacht, deutlich schneller sichtbar.

Welcher Jugendliche in der Kirche wäre nicht frustriert, der sonntags seine Eltern über Nächstenliebe philosophieren hört, obwohl er am Tag vorher noch eine Tracht Prügel kassiert hat?

Diese Scheinheiligkeit der Eltern führt natürlich unbewusst zu Konflikten innerhalb der Familie. Eltern werden in der Kirche immer schon auf die Pre-Gott-Ebene gehoben, denn das werden sie ja alle laut Mormonenglaube irgendwann, wenn sie im Tempel geheiratet haben. Die Schuld für Konflikte ist daher natürlich immer bei sich selbst zu suchen und nicht bei den Eltern oder der Kirche.

Darum sind viele Jugendliche Mormonen auch von unnötigen Schuldgefühlen geplagt, für Dinge, für die man sich nicht schuldig fühlen muss. Insbesondere die Keuschheit ist hier ein beliebtes Thema, um jugendliche Mormonen mündig zu halten.

Bereits früh wird Kindern und Jugendlichen klar gemacht, dass sexuelle „Unreinheit“ in der Sünden-Hitliste nur einen Platz hinter Mord steht. Das kann natürlich nicht zu einem gesunden körperlichen Selbstwertgefühl führen.

Natürliche und normale Bedürfnisse wie Masturbation werden regelrecht verteufelt. So ist es für den homophoben Apostel Packer doch der sichere Weg in die Homosexualität, wenn man masturbiert. Und so werden Jugendliche auch in regelmäßigen Interviews hinter verschlossenen Türen mit Kirchenführern (die im normalen Leben Maler, Lehrer oder z.B. Supermarktkassierer sind) ausgefragt, ob sie zum Beispiel masturbieren oder unreine Gedanken haben. So werden aktiv Schamgefühle und Angst aufgebaut. Und natürlich hat man auch Angst davor, mit irgendjemanden offen darüber zu sprechen. Denn man weiß nie, wer zum Bischof rennt und einen verpetzt. Diese Angst verfolgt natürlich auch Kirchenführer. Gleichzeitig geben sie diese Angst in Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen weiter.

Diese Angst führt bei einigen Jugendlichen sogar bis zum Selbstmord, verheimlichten Schwangerschaften/Abtreibungen durch ungeschützten Sex aufgrund fehlender Aufklärung.



Scheinheiliger Kirchenführer und Vater


Nachdem man sich nun selber so viele Sorgen um die eigene Würdigkeit und Erlösung gemacht hat, ist es natürlich umso unglaublicher, wenn man erfährt, dass der eigene Vater, der seine Kinder für sexuelle Unreinheiten maßregelt, selber nahezu seit dem Beginn seiner Tempelehe ein regelmäßiger und massiver Ehebrecher ist. Egal ob Arbeitskollegin, Call Girls oder Affären.

Gleiches galt auch für zum Beispiel Alkohol oder eben alles andere, was in der Kirche sonst noch verboten war.

Während ich ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich mal mit meinen Freunden ein Glas Bier probiert habe, hat mein vorbildlicher Mormonen Vater heimlich und regelmäßig Alkohol getrunken.

Von Montag bis Samstag galten die Regeln der Kirche für den Patriarchen nicht, dafür aber am Sonntag umso mehr, wenn es darum ging, andere auf dem rechten Weg zu führen.

Man fragt sich somit natürlich, warum spielt jemand in der Kirche den vorbildlichen Saubermann, während man unter der Woche ein nahezu gegensätzliches Leben führt?

War es die Hoffnung auf eine noch höhere Position in der Mormonen Kirche? Sind es mögliche Geschäftskontakte in der Kirche? Fehlendes Rückgrat dazu zu stehen, dass man nicht wirklich an die Lehren glaubt?



Gewalt und Angst


Konflikte mit körperlicher Gewalt zu lösen, ist auch in Mormonen Familien nicht unüblich.

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen vertreten Mormonen eine sehr konservative und veraltete Sichtweise der Familie und auch der Kindererziehung. Dazu werden natürlich auch stärker Erziehungsmuster der Eltern übernommen, da die Rolle der Eltern hier deutlich prägnanter patriarchalisch (s. o.) ist, als in andere Familien. Wenn Kinder Fehler machen, wird dies deshalb oft eher als Sünde oder mangelnden Respekts statt Teil eines Lernprozesses gesehen.